Zugnotizen
Berlin Hauptbahnhof - "Depp vom Dienst" prangts auf meinem T- Shirt... man nimmts wörtlich und drückt mir vertrauensvoll die Oma inklusive zweier schwerer Koffer in die Hand mit der Bitte, die 3 ordnungsgemäß im Zug zu verstauen. Im *vollen* Zug. Ich stelle also Oma und Koffer in die nächstbeste Ecke und rede beruhigend auf sie ein, dass es sofort losgeht, sobald sich die Reihen ein wenig gelichtet haben. (Wir standen dann also um die 20 Minuten.)
Leipzig- Man sitzt sich im Raucherabteil schweigend gegenüber und akzeptiert sich in der gegenseitigen Anwesenheit. Bis das Telefon klingelt und in einem breiten sächsisch der (ersten) Freundin erklärt wird, wann man wo ankäme. (Der zweiten wurde 10 Minuten später wegen wichtiger beruflicher Besprechungen abgesagt.)
Mein semiunterdrücktes Lachen nahm man mir übel, starrte mich zur Strafe in Grund und Boden. (Alternativ könnte er auch die Flecken auf meiner Sonnenbrille gezählt haben... kann ja sein.)
Nürnberg - Um so weiter ich nach Süden fahre, umso mehr trampeln sie das Deutsch platt, bemerke ich. Ich gewöhne mich gerade langsam an das bayrische, da näselt der Zugbegleiter seine Durchsage in bayenglisch durch. Ich bekomme einen lauten Lachanfall und ziehe es vor, den verdutzten Gesichtern auszuweichen, in dem ich das Abteil wechsele.
In Wien gibt man sich Mühe. empfängt man mich hochdeutsch. Das lässt hoffen und beruhigt mich ein wenig.
An was ich mich dort allerdings nicht gewöhnen kann, ist ein freundliches "Grüß Gott", zu dem mir einer der Einheimischen dort geraten hatte. Ein recht einseitiger Smallolog, ich brachte nichts raus, weil ich aufgrund des Überraschungsmomentes viel zu beschäftigt war, dumm dreinzuschauen. Man muss ja auch garnicht immer reden.
Das "dumm guggen" konnte ich in Wien auch weiter perfektionieren, nachdem man mich bei einer bekannten Schnellesskette fragte, ob ich denn warmes Wasser in meinen O- Saft wolle. Spontan hätt ich Eis gesagt, aber man meinte in meinem freundlichen "nen O-Saft" ein "ein warmer O-Saft" ausgemacht zu haben... und das brachte mich raus, da ging die Spontanität flöten. Ich habs dann aber doch vorgezogen, beim altbekannten zu bleiben.
Prag - Ich sehe wahrscheinlich gelangweilt aus, die Zugbegleitung drückt mir wortlos eine Zeitschrift in die Hand... in tschechisch. Ich reiche diese ebenso wortlos weiter an den ersten der 4 Tschechen in meinem Abteil und und beantworte seinen fragenden Blick mit einem dahingenuschelten "can´t read it". Ich weiß nicht, obs am Wetter lag oder am Kaffee im Zug, die 4 grinsen sich kollektiv an und beschließen spontan, mir tschechisch beibringen zu wollen. Nunja, ich sitze jetzt eh noch ein paar Stunden im Zug, also von daher...
Ich merke mir die Zischlaute.
Man gibt mir zu verstehen, das meine Aussprache sehr fein klingen würde, ich würde denen gern zu verstehen geben, das ich auch schon vorher aufgrund eines Titanstabs mit Murmeln dran in der Zunge gut zischen konnte, bemerke aber rasch, das mein Wortschatz mangelhaft ist und belasse sie in dem Glauben. Wenn esz szie glücklich macht, dann szoll mihrr dasz auch hrrecht szein.
Ich habe genug vom Sprachunterricht und flüchte ins Nachbarabteil... voller Italiener... Himmel! Warum denn immer gleich Gruppen?
Ich mache mich vorsorglich unsichtbar und mische deren Wortfetzen in einen knorkanischen Ohrwurm, der mich gerade befällt. (Ich habe beschlossen, mich nicht über die Assoziation zu wundern.) Gekillt wird der Ohrwurm dann von "Freude schöner Götterfunken" im polyphonen Klingeltonmix und ich weiß nicht warum, ich muss an Wagner denken. Auch hier wundere ich mich nicht, ich nehm es einfach so hin. Auch nehm ichs hin, das ich grinsen muss, obwohl ich Wagner nicht mag. Aber ich bin auch übermüdet und seit Stunden unterwegs, mich wundert garnichts mehr.
Im Abteil sitzt nun also ein unsichtbares Wesen mit wirren Haare und schiefen Blick, grinsend die gegenüberliegende Wand anstarrend.
Verstohlen beobachtet man mich und versucht in etwa abzuschätzen, wann genau ich durchdrehe und welche Gegenmaßnahmen getroffen werden könnten. Ich überlege noch, ob ich ihnen die "wir werden alle sterben"- Melodie vorsumme, welches ja nun schon länger in meinem Ohr rotierte, beschließe allerdings auf Grund ihrer Überzahl, mit stattdessen auf die Zunge zu beißen und somit meine Zischlaute zu perfektionieren.
Vielleicht sollte ich anfangen, vor- und zurückzuwippen, mit ein wenig Glück habe ich das Abteil dann demnächst für mich allein.
(Kurzes Zwischenresümee, bzw. Realisieren meiner Lage:
Ich bin in einem fremden Land, welches je nach Hügel in den Farben der DDR leuchtet (kalkweiß, betongrau, kohleschwarz), spreche die Sprache nicht, habe weder Telefon noch Laptop, "blogge" mit Stift im Notizblock, habe Schuhe an und werde mitleidig angeschaut. Aber das Wetter ist hell und die Handys meiner Mitreisenden piepsen freundlich im Kollektiv.)
Die Leute beginnen mich zu nerven und ich begebe mich abermals auf die Suche nach einem neuen Abteil. Ich lande bei einem jungen Mann, der mich, während ich das fliegende Spagettimonster in den Scheibenstaub male, angrinst, aber keine Anstalten macht, seine Kopfhörer aus den Ohren zu ziehen. Ich beschließe spontan ihn zu mögen.
Dresden Mintstäschoon- Ich habe ein Abteil für mich allein und ziehe die Vorhänge zu. Eine todsichere Methode, wenn man sein harterkämpftes Einzelabteil behalten will.
Rückfahrt Randnotiz: 4x Fahrscheinkontrolle, 5x Passkontrolle mit Abgleich im EC. Wer was zu verbergen hat, sollte besser ICE fahren.
Ach, wie man sieht... ich bin wieder in Berlin angekommen.
Flo